Symbolik des Blutes: Die Verbindung von medizinischem Kannibalismus und Vampyrismus

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  • Symbolik des Blutes: Die Verbindung von medizinischem Kannibalismus und Vampyrismus

    Wie vielleicht einige von euch wissen, befasse ich mich mit der universellen Symbolik des Blutes in der menschlichen Kulturgeschichte um die Praxis von Vampyrismus bewusster zu erleben und um eine Sprache zu finden, auch Außenstehenden näher zu bringen was Vampyre instinktiv mit Blut verbinden.
    In diesem Rahmen bin ich auf folgendes Kuriosum der Geschichte gestoßen: die Tradition von medizinischen Kannibalismus in Europa.
    Mitunter noch bis in die frühe Neuzeit waren medizinische Preperate aus Leichen üblich. Bekanntestes Beispiel war das aus Mumien gewonnene Mumia, welches bis 1908 noch als erhältlich aufgelistet war.
    Interessant für uns ist aber primär die Verwendung von Blut für medizinische Zwecke.
    Die ältesten mir bekannten Quellen beschreiben die Verwendung des Blutes römischer Gladiatoren als Mittel gegen Epilepsie, gegen eine Krankheit der Seele. Die Seele konnte mit Blut vom Makel der Krankheit befreit werden.
    Diese Tradition wird auf den Ursprung von Gladiatoren im etruskischen Totenkult zurückgeführt.
    Die Etrusker waren nach antiken Quellen ein Volk, das sich ähnlich wie die ägyptische Hochkultur am Nil, der Realität des Todes als Teil des Lebens immer bewusst war und ihre Zivilisation stark auf den sicheren Übergang zwischen den Welten ausgerichtet hat.
    Starb ein nobles Mitglied der Gesellschaft, kämpften Krieger ( oft Kriegsgefangene oder Sklaven) an seinem Grab bis auf den Tod. Das vergossene Blut half dem Verstorbenen auf seiner Reise, so der Glaube. Aus dieser Tradition entwickelten sich später die römischen Gladiatoren-Spektakel.
    Nicht nur Römer und Etrusker, auch andere alte Kulturen, machten sich Opferblut als eine heilige, heilende und Unheil abwendende Substanz dienbar. Die vielleicht besten Beispiele, das Blut des Pessach Lammes in der jüdischen Tradition und die Taufe in dem Blut eines geschlachteten Stieres im Mysterien-Kult des Mithras.
    Da das Blut der Gladiatoren unter derart dramatischen, ungewöhnlichen Umständen gewonnen wurde, wurde es als besonders starke Arznei im Kontext magischer Therapie angesehen, die sogar Unheilbares heilen konnte, so wie die Epilepsie.
    Das Verbot der Gladiatorenspiele um 400 n. Chr., war noch lange nicht das Ende dieser therapeutischen Praxis. Enthauptungen galten als respektvolle Art der Hinrichtung, die Exekutierten waren eine Art Opferung. Ihr Sterben war eine Geste der Wiedergutmachung gerichtet an Geister, Daemonen und die ruhelosen Geister von Ermordeten, das vergossene Blut somit Teil einer magischen Handlung.
    So wurde das Blut der Geköpften der legitime Nachfolger des Blutes der Gladiatoren.
    Der Kenner wird den Wert des Blutes Hingerichteter, aus diversen Rezepten und Grimoiren vielleicht kennen. Die magisch-medizinische Nutzung ist bis in die Neuzeit gut belegt.
    1908 las man in einer deutschen Zeitung nach der Exekution einer Mörderin einen Bericht, wie am Tage der Exekution eine alte Frau aus einem benachbarten Dorf sich ihren Weg durch die Menge vor dem Gerichtsgebäude bahnte um eine kleine Menge des Blutes der Delinquenten zu erbitten. Sie wollte einem an Epilepsie erkrankten jungen Mädchen, einer Verwandten, helfen, weil das Blut eines Hingerichteten, so ihr Glaube, über große Heilkräfte gegen diese Krankheit verfüge.
    Gut zweitausend Jahre liegen zwischen den Berichten römischer Ärzte und diesem Fall.
    Die Umstände mögen sich ändern, aber die symbolische Bedeutung des Blutes, ist eine Konstante.
    Das zeigen die Quellen und lassen den modernen Vampyrismus als Ausdruck einer größeren Tradition erscheinen, welches sich die universelle Symbolik des Blutes nutzbar macht.
    Wie wir aus Erfahrung wissen hat der Vampyrismus praktisch nicht viel mit dem Trinken des Blutes von Todgeweihten zu tun, um daraus einen physischen therapeutischen Nutzen zu ziehen und ich will auch keine kausale Verbindung zwischen beiden Phänomenen beschwören.
    Was ich aufzeigen will sind die Gemeinsamkeiten und, zu eurer intellektuellen Freude, die Möglichkeit, das Bekannte im Fremden sehen zu können.
    Das Mysterium des Blutes:
    Heilung für das Unheilbare, Vergebung für das Unverzeihliche, Hoffnung für die Verzweifelten.
    Ich erkenne mich darin selbst, als Vampyr.
    Auch wenn sich das Verständnis und die Arten Vampyrimus zu praktizieren im individuellen Fall unterscheiden, so sehe ich doch das Blut, und dessen Bedeutung, als ein verbindendes Element, vor allem anderen.
    -M.

    Literatur:
    Moog, F.P./ Karenberg, A. (2003): “Between Horror and Hope: Gladiator’s Blood as a Cure for Epileptics in Ancient Medicine”, Journal of the History of the Neurosciences: Basic and Clinical Perspectives 12/2, S. 137-143.
    Sugg, R. (2008): “Corpse medicine: mummies, cannibals, and vampires”, The Lancet 371/9630, S. 2078 – 2079.
    Washington, J. (2012): “The magical Power of Cannibalism”, Crossroads: An interdisciplinary journal for the study of history, philosophy, religion and classics 6/1, S. 46-57.

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Kommentare 4

  • Mikhail -

    Diskussion zu dem Thema im Forum: vampir-unity.de/index.php?thre…n/&postID=20948#post20948

  • SchwarzeRose -

    Boa so genau wusste ich das mit dem Blut eines verurteilten nicht... Ich wusste dass man teils sogar das Sperma von gehängten aufgesammelt hat, aber dass das Blut so wichtig war?

  • Aletheia -

    Nicht zu vergessen die Kelten, die haben zwar meist die Köpfe ihre Feinde abgehackt, aber es gab auch Opferblutzeremonien, dabei wurde der Boden regelrecht mit Blut getränkt um die Götter zu ehren, später wurde dafür auch Rotwein in geschlossenen Tonamphoren genutzt, aber eine solche Amphore (ca 20l Inhalt) wurde an einem heiligen Ort sinnbildlich für einen Menschenopfer geköpft und sie hatte den Gegenwert eines menschlichen Sklaven...
    Achja und anhand dessen wie das Blut aus dem Körper floss, wurden Prophezeiungen für die Zukunft gemacht.

    oder in der Bibel im Johannesevangelium Kapitel 6 ab Vers 52

    52Da stritten die Juden untereinander und sagten: Wie kann der uns sein Fleisch zu essen geben?
    53Jesus sprach zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht das Fleisch des Menschensohns esst und sein Blut trinkt, so habt ihr kein Leben in euch.54Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben, und ich werde ihn am Jüngsten Tage auferwecken.
    55Denn mein Fleisch ist die wahre Speise, und mein Blut ist der wahre Trank.
    56Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich in ihm.

  • sal -

    Mit Quellenangabe. Sehr edel.^^