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  • „Zum Nachtwerk bitte. Ja und ich bin Rollstuhlfahrer bitte denken sie daran“. Es machte klick und das monotone Geräusch einer belegten Leitung ertönte. Die Dame am anderen Ende hatte aufgelegt und der erste Schritt aus dem Haus war getan. Nun noch schick machen und nicht den Mut verlieren. Der Abend sollte etwas besonderes werden und mein Ziel war es wieder Spaß haben zu können. Nur was anziehen ? Eine Frage die eigentlich eher eine typische Frauenfrage ist. Aber wohl auch auf Männer zutrifft die lange nicht mehr auf ihr Äußeres geachtet hatten und jeglichen Geschmackssinn verloren hatten. Jogginghose und T-Shirt waren halt nur nötig in Zeiten von Internetshopping. Egal ob neue Jogginghosen, Nahrungsmittel oder zu etwas zu trinken. Die Möglichkeiten nicht aus dem Haus zu müssen sind meist schier unendlich. Den Grundstein zulegen für ein Leben in Einsamkeit ist also nicht schwer. Nun aber weiter zu meinen etwas eingerosteten Fashionskills. Ich entschied mich für eine schwarze Jeans , dunkle Turnschuhe und ein weinrotes Hemd. Der Look schien mir angemessen für meine Stimmung und für die Musik die heute Abend laufen würde. Ich war auf einen Abend aus der von leichten melancholischen Gothicklängen begleitet werden sollte. Im Nachtwerk in Zwickau lief so etwas eigentlich immer. Ich machte mir eigentlich auch keine Sorgen das ich mich wohl doch Musik hingeben musste die nicht meinem Geschmack entsprach. Der Schritt in die Freiheit war aber das eigentliche Ziel um die Liebschaft mit der Depression zu beenden. In der heutigen Zeit ein großes Thema was das angeht.
    Dieser Zustand ist ein schleichendes Gift was dir zu aller Anfang erst mal eher vorkommt wie eine Art Grippe. Du fühlst dich schlapp und kränklich. Bist vielleicht auch anfälliger für manch Erkältung weil das Immunsystem oft auch sehr stark beeinflusst wird von der Psyche. Doch es wird schlimmer. Deine Welt wird immer grauer und dunkler. Dein Blick fürs wesentliche im Leben wird getrübt. Essen wird also , nach deiner Meinung, sehr oft überbewertet und Aussehen ist eh eine Sache die nur von Menschen beurteilt wird die dir schon lang nichts mehr bedeuten.
    Als nächstes hängt die Depression dir Gewichte an Arme und Beine bis du beschließt das es doch zu hause am schönsten ist. Klar unterwegs war es immer schön aber das übertrieben freudige verhalten der Gesellschaft in Zeiten von Krieg und Terror scheint dir unpassend zu sein und du denkt sehr oft darüber nach was das ganze für dich eigentlich noch einen Sinn macht. Damit haben wir das Stadium erreicht was jeder psychisch eingeschränkte Mensch erreicht. Die Isolation. Aber ich schweife ab. Schauen wir doch mal wie es weiter ging an diesem Abend. Ich ging nach dem Auswählen meiner Kleidung ins Bad und schickte mich daran mich ausgehfertig zu machen.
    Rasieren ist eine Tätigkeit die mir damals oft schwierig fiel. Meine Nerven waren kaputt und meine Hände zitterten oft. Eine Folge meiner Behinderung. Es ist halt nicht immer so das alles bleibt wie es ist sondern vieles wird meist schlimmer mit der Zeit weil der Mensch nun mal dem körperlichen Verfall ausgesetzt ist. In meinem Fall kam eine Nervenschädigung noch dazu weswegen ich ja auch im Rollstuhl sitze. Vielleicht auch ein Grund warum ich ein leichtes Opfer war für die Depression. Es ist einfach zu akzeptieren das man ist wie man ist nur es ist schwer mit Veränderungen umzugehen dich nicht unbedingt zum Vorteil laufen. Das Gemetzel an meinem Hals war dann schlimm aber heute versuchte ich mich besonders zu konzentrieren. Ich wollte einen Neuanfang.
    Die Klinge glitt sanft über meinen Hals und ich entwickelte eine leichte Gänsehaut durch die Kühle des Rasiermessers. Gewagt war diese Methode sicher für einen Mann der unter gelegentlichen Krampfanfällen litt aber ich hatte immer schon einen Hang zu scharfen Sachen. Sicherlich Rasiermaschinen oder Einmalrasierer waren sicherer aber No Risk , No Fun. Nach Beendigung der Haarentfernung kam der unangenehme Teil. Das Rasierwasser roch frisch aber doch schwer. Meine Freundin hatte es mir vor langer Zeit geschenkt weil sie wusste das ich diesen Duft liebte. Als sie Anfangs noch häufiger bei mir war klebte sie immer wie eine Klette an mir wenn ich diesen Duft aufgelegt hatte. Sie bestand darauf mir immer eine ganze Serie zu kaufen. Duschgel, Deo , Rasierwasser waren immer Geschenke die sie mir gern mal zwischendurch machte. Jetzt gerade dachte ich wieder an sie und wenn sie mich jetzt sehen könnte wie ich mein Leben wieder langsam in den Griff bekam. Es war schwer für sie zu verstehen das ich nicht mehr aus dem Haus konnte um sie zu besuchen. Anfangs war es noch möglich aber mit der Zeit resignierte ich weil der Körper einfach schwerfälliger wurde. Schlussendlich gab ich auf. Jetzt sollte aber wieder alles anders werden. Wenn ich zurück war wollte ich sie Anrufen und ihr berichten das ich es geschafft hatte. Wir konnten wieder zusammen sein weil ich meine geliebte Depression den Laufpass gegeben hatte. Nun noch das Rasierwasser. Es brannte wie Feuer aber der Schmerz war kurz und klärte meinen Geist weiter. Mir wurde klar das dies gerade alles veränderte und ich hatte keine Ahnung wie Recht ich behalten sollte.
    Immer mehr wurde ich mir bewusst das es aufwärts gehen würde nun. Meine Laune wurde von Minute zu Minute besser und ich konnte es kaum noch erwarten endlich ins Taxi zu steigen. Meine Auswahl bei der Jacke war klar. Der Winter ließ es nicht zu das man nur im Hemd vor die Tür ging. Der dicke Mantel war also unvermeidlich und auch der Schal. Vorsorglich suchte ich mir auch Handschuhe raus. Mit ihnen war es zwar schwierig Rollstuhl zu fahren aber sie waren wohl angemessen bei der Kälte. Ein kurzer Blick auf die Uhr die neben mir auf dem Schreibtisch im Schlafzimmer lag und ich wusste das das Taxi jeden Moment kommen sollte. Die Aufregung stieg und ich überlegte mir plötzlich ob ich es wirklich tun sollte. „Jetzt keinen Rückzieher machen. Wird schon gut gehen. Du bist fast fertig mit Anziehen und hast dich schon gefreut auf den Ausflug. „ Meine Gedanken wurden durch einen Lichtschein abgelenkt der die Gasse herein fuhr. Das Taxi war da und ich löschte das Licht in meinem Schlafzimmer und nahm den Schlüssel aus meiner Geldbörse mit dem ich die Tür hinter mir zu sperren würde. Ein kurzer Blick in den Spiegel noch dann löschte ich das Licht im Flur und machte das Hoflicht an.

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