3. Teil des Ersten Kapitels

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  • Als ich mich mit einem kräftigen Ruck über die Schwelle der Haustür zog beäugte mich der Fahrer einen Moment und meinte „Na so spät noch raus bei dem Wetter?“ Ich nickte ihm kurz zu als ich mich über die eine Stufe vor der Haustür balancierte . Die Tür fiel ins Schloss und ich drehte meinen Oberkörper zurück zur Haustür um diese abzuschließen. Genau Zwei mal.
    Mein Gefährt war schnell verstaut und ich nahm auf dem Beifahrersitz platz. Dort steckte ich den Schlüssel wieder in meine Geldbörse und zählte die Scheine die ich dabei hatte. Schmalhans war heute auch mit dabei aber ich beschloss mir davon nicht die Laune verderben zu lassen. Hin und zurück in die Disco würde das Geld reichen und etwas zu trinken war auch noch drin. Als Mensch der Jahre lang vom Staat abhängig war und nur das bekam was man glaube was für ihn ausreichend war durfte man nie den Taschenrechner im Kopf abstellen. Nicht das man am Ende des Monats nur noch Dosenfutter hatte. Ich konnte meinen Sieg über die Einsamkeit feiern und konnte morgen dann mit neuen Erfahrungen und guter Laune in ein neues Leben mit neuem Mut starten.
    Die Fahrertür öffnete sich und der ältere Herr mit Schiebermütze und dicken grauen Mantel stieg ein und schloss die Tür. Sein Gesicht war freundlich und er nickte mir kurz zu als wolle er mir noch mal bestätigen das es nun endlich losgehen würde. Er beugte sich über die Armatur und wischte mit der Hand über die Scheibe. Sein Atem roch nach Pfefferminz und Tabak. Eine Mischung die sowohl ekelhaft als auch abartiger nicht sein kann. Meine Meinung war dazu „Man muss der Welt nichts vormachen. Wenn man Raucher ist dann macht es Pfefferminz nicht besser nur unertragbar. Ich verzog etwas das Gesicht und drückte mich etwas gegen die Sitzlehne um dem Dampf seines Atems aus dem Wege zugehen. Verschlimmert wurde die Sache dadurch das er versuchte nun auch noch die Scheibe damit sauber zu bekommen. Die Scheibe war durch die Kälte draußen und die Heizungsluft drinnen zum Milchglas mutiert. Einen kurzen Moment später resignierte er endlich und stellte die Lüftung an. Ein Segen dachte ich bei mir.
    Meine Eindrücke im Taxi vermischten sich mit meiner guten Laune. Jetzt roch es mehr nach Leder und Möbelpolitur. Ich nahm an das er damit die Armaturen gereinigt hatte. Der Motor wurde gestartet und die Scheinwerfer erhellten den Hof der im Dunklen gelegen hatte. Im Nachbarhaus lebte schon lang niemand mehr. Es musste wohl an die Bank verkauft werden und an der Hauptstraße stand nun schon ziemlich lang ein Schild mit der Aufschrift „ Haus zu verkaufen „ Mehr Arbeit als alles andere dachte ich mir als ich das Schild wieder sah und richtete meinen Blick die Hauptstraße hinunter Richtung Werdau.

    „Wohin soll es gehen „ Der Satz riss mich aus meinem Nachsinnen und ich schaute etwas erschrocken in die Augen des Fahrers der mich fragend begutachtete. Meine Hände verkrampften sich leicht in meinen Jackentaschen und ich biss mir leicht auf die Unterlippe. War das Nachtwerk wirklich eine gute Idee? Quatsch ich wollte dahin also entspannte ich mich und antwortete „ Ich will ins... „ Da wurde mir prompt das Wort abgeschnitten „Ah klar wie dumm von mir da steht es ja. Du willst ins Nachtwerk“ Ich hasste immer diese Übertretungen von Persönlichkeitsrechten. Man ließ Menschen ausreden und man duzte sie auch nicht gleich wenn man sie nicht kannte. Dies war aber kein Einzelfall. Um ehrlich zu sein das passierte sogar ziemlich oft. Mangelnder Respekt mir gegenüber war eine Tatsache die ich wohl zu akzeptieren hatte in dieser Welt. Das sich diese Ansicht noch ändern würde war mir aber zu dem Zeitpunkt nicht klar. Viele denken wenn sie einen Rollstuhlfahrer sehen sie müssen gleich einen auf Kumpel machen und eine gewisse Distanzlosigkeit herstellen. Vielleicht ist das ihre Art zu sagen „Hey du gehörst dazu“. Kann sein das ich das vielleicht etwas zu verkrampft sehe aber für mich ist so ein Verhalten einfach nur respektlos und zeugt davon das man eher herabgewürdigt wird. Aber nun Gut die Fahrt begann.

    Er gab Gas und ich sah , als wir auf die Hauptstraße fuhren , ein silbergraues Auto. Es schien mir aber zu dem Zeitpunkt noch nicht wichtig und ich achtete nicht darauf das es uns die ganze Zeit folgte und erst in Zwickau wieder eine andere Route fuhr. Mein Blick war eher damit beschäftigt den Taxameter zu beobachten und meine Geldbörse zu wiegen. Hatte ich wirklich genug dabei das es für zwei Fahrten reichen würde? Die Preise für eine Fahrt waren anscheinend gestiegen und mir wurde etwas mulmig. Cola war wohl nicht mehr drin und ein kleiner Snack aber ich war ja wegen des Feierns da und nicht um mir den Bauch voll zuschlagen. Wir bahnten uns den Weg durch die Ortschaft. Alles lag im tiefen Schnee und der Wind drückte dicke Flocken an die Windschutzscheibe. Januar war eine Zeit in der der Winter eben noch in vollem Gange war. Es war wohl weiße die etwas dickeren Sachen zu wählen. Zu leicht würde man sich wohl erkälten wenn man so lang nicht mehr das Haus verlassen hatte. Das Zittern in den Händen stellte sich kurz bei diesem Gedanken wieder ein und ich atmete kurz durch um mich zu beruhigen.

    Die Psyche ist bei einer Nervenschädigung manchmal ganz entscheidend. Stress , Angst oder Nervosität können da schon manchmal ein größeres Problem werden. Aber auch Witterungen sind ein Faktor. Kälte kann manchmal sogar starke Krämpfe auslösen. Jeder kennt dieses Symptom man wäscht sich zum Beispiel mit kaltem Wasser. Anfangs erfrischend aber wenn man es übertreibt verspannen sich die Muskeln. Der Ein oder Andere kennt das vielleicht auch vom Baden in einem kaltem See. Wenn man nicht aufpasst und gut fit ist kann das schnell zum Verhängnis werden.

    Ich schaute wieder aus dem Fenster des Autos und beobachtete die vorbeiziehenden Häuser und Straßenzüge. Hier in der Region gab es vom Baustil her eigentlich alles. Alte und neue Häuser. In manchen Straßen war der Fortschritt angekommen und fast jedes Haus war schon Saniert und strahlte meist in hellen Farben. In anderen Gassen allerdings kam man sich vor als wenn man gerade durch ein Gebiet fährt was vom Kriegstreiben gerade berührt wurde. Dort waren die Häuser total verwahrlost. Durch die Sandsteinfassaden schauten hier und da die Ziegel hervor und der Rest des Hauses schien Ruß geschwärzt zu sein. Die Straßen waren aber überall gleich schlecht. Man merkte oft das man in das ein oder andere Schlagloch fuhr. Sicherlich wurde schon viel ausgebessert aber die Natur macht nun mal keine halben Sachen und bessert nach ihrem Geschmack hier und da die ein oder andere makellose Straße wieder aus.

    Der Fahrer bremste ruckartig und schlug mit einer Hand aufs Lenkrad. Ich schaute ebenfalls aus der Windschutzscheibe und sah das vor uns ein Wagen ebenfalls gebremst hatte und nun mit den Rädern durchdrehte. Wohl wieder einer der Fahrer die glaubten ihr Auto könnte sich den Naturgesetzen widersetzen und über die vereisten Straßen fahren wie ein Eiskunstläufer. Leider traf hier wieder mal die Realität auf den Wunsch und wurde mit dem Gehupe der anderen Autos hinter uns bestraft.
    „Mach schon ich hab es eilig“ brummte es von links. Mein Chauffeur für heute Abend hatte wohl noch mehrere geplante Fahrten vor sich. Er lehnte sich über das Lenkrad um auf seinem Klemmbrett zu schauen wie viel Zeit er noch bis zur nächsten Fahrt hatte. „ Das wird Eng „ murmelte er wieder und gab dem Fahrer vor uns zu verstehen durch gestikulieren das es jetzt Zeit war weiter zu fahren. Dieser trat das Gaspedal wohl voll durch bis der Wagen sich befreit hatte aus dem Matsch und es konnte endlich weiter gehen. Als wir Werdau verlassen hatten nahm der Schneesturm zu und ich überlegte das erste mal wieder wie ich wohl zurückkommen würde. Das Wetter lud nicht unbedingt dazu ein einen Abendspaziergang zu machen um sich das nächstbeste Taxi zu suchen. Jetzt hoffte ich nicht nur das Schmalhans ein Auge zudrückte sondern auch das der Akku meines Handys durchhalten würde bis ich die Heimreise antrat.

    In Zwickau angekommen war die Fahrt nur noch ein Stückchen bis zu dem Ort meiner Wahl. Dort war der Parkplatz recht voll und ich überlegte mir das wohl heute kaum ein Durchkommen war aber vielleicht war der Gothicfloor ja auch nicht so gut besucht. Was ich nicht bedacht hatte das dieser vielleicht außer meiner Reichweite lag. Rollstuhlfahrer konnten nur schlecht Treppen steigen und dann ihren Rollstuhl noch hinterher ziehen. Ich war zwar noch recht fit aber Jeder hat so seine Grenzen dachte ich mir. Hoffen und Bangen vermischten sich bei mir mit der Sorge das ich mir doch kein Taxi zurück leisten konnte. Jetzt war ich aber erst mal angekommen und bezahlte meine Fahrt und stellte fest das ich schon die Hälfte meines Geldes im Taxi gelassen hatte. Nun packte der distanzlose Fahrer meinen Rolli aus dem Auto und bemühte sich mit der Technik das ich wieder ohne Probleme einsteigen konnte. Eine kurze Anleitung meinerseits half ihm aber sein Reha-wissen aufzubessern. So weit so gut. Ein weiterer Eingriff in meinen Persönlichkeit mit einem Schulterklopfer und er zog seines Weges. Respekt ist eine Kunst die halt nicht Jedem liegt. Der Abend konnte nun beginnen und ich steuerte Zielsicher auf den Eingang des großen grauen Gebäudes zu. Der Türsteher nickte freundlich und ging einen Schritt zur Seite. Heute war wohl freier Eintritt und meine Finanzen schienen eine kleine Schonfrist zu bekommen.

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