Einigkeitsgefühl, bei Vampyren? Gibt es denn so Etwas?

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    • Einigkeitsgefühl, bei Vampyren? Gibt es denn so Etwas?

      Bei anderen Foren, welcher sich eher mit "praktischem Okkultismus" beschäftigen,
      finde ich des Öfteren, bei Individuen welche sich dem Chaos, dem LHP, Satanismus oder paganen Strömen verschrieben haben,
      dass man die Gesamtheit, oder den Großteil der anderen Praktizierenden als Familie oder Geschwister bezeichnet.
      Oder man begrenzt sich auf die bunte Gesamtheit von Foren, Coven, Gruppen, Sekten, Ländern oder Staten.

      Ich meine damit also entweder antireligiöse Indivuen, oder tollerante Religöse. Welche sich mit ähnlich gepolten Menschen (oder als was auch immer man sich auch sehen mag)
      eine Zusammengehörigkeit empfinden.

      Sagt mal, gibt es so etwas bei euch auch?
      (nicht aufregen) Aber seid ihr mehr als eine Anhäufung von Misanthropen und Goths ?

      Fühlt ihr euch mit betroffen wenn amerikanische, westphälische, russische und bulgarische Vampyre in Schwierigkeiten sind?
      Oder wenn diese für öffentliche Anerkennung oder Duldung kämpfen?
      Habt ihr, außer dem was euch mit euren Spendern verbindet, irgendein gemeinsames Band? Einen Kleber welcher euch eint?
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      "praktischem Okkultismus"

      (ja, ich versuche gerade tunlichst Begriffe wie "Magie" und "Hexerei" zu meiden,
      da man allgmein eher geneigt ist, diese mit Kinderbüchern als mit den tatsächlichen Techniken zu verbinden)
    • Ja, auf jeden Fall gibt ein Einigkeitsgefühl bei Vampyren.

      Potentiell ist dieses sogar recht stark, da man eine gemeinsame Identität teilt, die oft auf etwas Essentielles zurückgeführt wird, also einen essentiellen Unterschied zwischen Vampyren und anderen Menschen.
      Vampyre können zudem auf das Vorhandensein der Vampyrgesellschaft vertrauen, die ein Einigkeitsgefühl und Zusammenhalt, zum eigenen Schutz auch Diskretion und Geschlossenheit nach Außen verspricht.

      Wie diesem Versprechen nachgekommen wird ist abhängig von der Ebene auf der man sich bewegt. Der Zusammenhalt der Vampyrgesellschaft auf internationaler Ebene ist oft primär ideeller Natur und geht nur dort über das rein-ideelle hinaus wo Communities oder Houses, Covens und ähnliches auf nationaler oder lokaler Ebene zusammenarbeiten.
      Diese Zusammenarbeit ist in meiner Erfahrung vorallem von gegenseitigem natürlichen Respekt geprägt. Als Kopf meines vampyrischen Haushaltes habe ich Respekt vor den Errungenschaften anderer Zusammenschlüsse und man unterstützt sich nach zur Verfügung stehenden Mitteln, allerdings ohne die Souveränität anderer Zusammenschlüsse und Communities anzutasten.
      Ein gewisser respektvoller Abstand gehört also dazu.
      Geht man tiefer in die einzelnen Communities kann man von gewachsenen Zusammenhalt sprechen, nicht mehr primär auf gemeinsame Ideen und Begriffen beruhend sondern auf der Erfahrung der Realität vampyrischen Zusammenlebens.
      Die gelebte Zusammengehörigkeit unter Vampyren hat ihre Wurzeln dort wo man unter Vampyren auch tatsächlich zusammenlebt, wo man sich kennt und verändert ihre Gestalt schließlich hin bis in die Verästelungen einer globalen Gemeinschaft.
      Die Vampyrgesellschaft als Ganzes bleibt auf allen Ebenen als solche erfahrbar. Manche Äste mögen gesunder sein als andere, aber man kann sich doch eines stabilen Fundamentes sicher sein, solange Vampyrismus in den Wurzeln gelebt wird.
    • Mikhail schrieb:

      Diese Zusammenarbeit ist in meiner Erfahrung vorallem von gegenseitigem natürlichen Respekt geprägt. Als Kopf meines vampyrischen Haushaltes habe ich Respekt vor den Errungenschaften anderer Zusammenschlüsse und man unterstützt sich nach zur Verfügung stehenden Mitteln, allerdings ohne die Souveränität anderer Zusammenschlüsse und Communities anzutasten.
      Ein Bischen so, wie Staten funktionieren sollten :thumbsup:

      Mikhail schrieb:

      Manche Äste mögen gesunder sein als andere, aber man kann sich doch eines stabilen Fundamentes sicher sein, solange Vampyrismus in den Wurzeln gelebt wird.
      Der vampyreske Weltenbaum :d_buch: ...

      Na dann bedanke ich mich einmal für diese ausfühlriche Antwort . :d_:)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von RephaimSulusPaulus ()

    • Dazu kommt mir eine Frage in den Sinn. Ich hoffe es ist nicht zu kritisch- es treibt mich gerade wirklich um.

      Mikhail, du sprichst von einer gemeinsamen Identität, die einen einen "essentiellen Unterschied zwischen Vampyren und anderen Menschen" ausmacht.
      Diese Identitätsstiftung von der Du sprichst, ist, meiner Beobachtung nach, überall in der Gesellschaft zu finden. In allen Szenen, Communities, Gruppen, Vereinigungen, (Protest)Bewegungen etc.
      Worauf ich hinaus will, ist, dass diese Identität eine ganz grundlegende Form sozialer Orientierung ist. Es schafft Abgrenzung und damit Sicherheit (ohne, dass das jetzt wertend zu verstehen sein soll- Sicherheit ist eine notwendige Handlungsvoraussetzung).
      Doch, was mich daran immer stößt, ist dass man durch diese Grenzziehung zu anderen Menschen gerade wieder Gleichheit schafft.
      Vielleicht stört mich der zugrunde liegende Gedanke des Individualismus "werde, was du werden willst, solange Du Dich dadurch von anderen unterscheidest", daran, dass es die Form einer Paradoxie aufweist- "Wir sind doch alle Individuen" (...).
      Gleiches Problem habe ich mit diesen Identitätsbildungen. Dadurch, dass die (post)Moderne unter dem Duktus der eigenständigen Identitätsstiftung steht, die nicht mehr durch traditionale Motive (Familie, politische Gesinnung, Stand o.ä.) geprägt ist, ist sie doch gleichsam nicht abgrenzend von der Gesellschaft/ von den anderen Menschen (da diese sich strukturell eben genauso differenzieren!).
      Das soll keine Kritik sein- ich denke, man kann sich drehen wie man will, man ist nun mal Teil der Gesellschaft. Ich möchte nur wissen, ob es da eine Art Metareflexion zu gibt. Wie geht die Vampyrgesellschaft damit um, dass sie grundlegend Teil, vielleicht sogar Produkt der Gesellschaft ist, von der sie sich abzugrenzen sucht.
      Letzteres ist natürlich eine stark konstruktivistische These, die viele Voraussetzungen enthält. Aber ich stelle das mal zur Diskussion in den Raum.

      Zur Erläuterung:
      Ich war viele Jahre in der "schwarzen" Szene unterwegs und von Beginn an habe ich mich da an irgendetwas gestoßen, was ich nie ganz zu benennen wusste. Auf einem Festival kam mir dann der Aha-Moment. Als ich die kostümierten Anwesenden mit den Coca Cola Dosen in der Hand sah. Eine Gesellschaft in der Gesellschaft. Nichts anderes. Und auf eine Metaebene gehoben sind alle Unterschiede lediglich Konstruktion.
      Kommt es also darauf an eine Andersartigkeit zu konstruieren oder darauf sich die Schnittpunkte ins Bewusstsein zu rufen?

      Nur ein paar Gedanken. Dazu gibt es sicherlich noch mehr Worte zu verlieren.
    • Ich würde behaupten, die Vampyrgesellschaft ist in diesen Punkten sicherlich auch selbstkritisch.
      Für mich persönlich gesprochen ist es auch stellenweise schwer eine gewachsene Identität als traditioneller 'Outsider' mit dem Existieren in einer menschlichen Gesellschaft zu vereinen. Aber es ist nicht in jeder Hinsicht ein Widerspruch. Abgrenzung braucht auch die Anderen. Abgrenzung ist eine Form von Interaktion.
      Insgesamt würde ich mich aber gerade im Bezug auf die Vampyrkultur nicht auf das Thema der Abgrenzung konzentrieren. Ich sehe die Vampyrkultur nicht wirklich als eine reine Gegen- oder Protestkultur, insofern wir uns nicht primär durch Abgrenzung, als Alternative identifizieren. Der historische Ursprung ist schwer von der Hand zu weisen, aber 'Aufbegehren gegen Etwas' steht nicht im Fokus der Vampyrgesellschaft, so wie es auch in der Schwarzen Szene nicht länger der Fall sein dürfte. Ist Vampyrkultur dadurch also affirmativ? Vielleicht. Wahrscheinlich konzentrieren wir uns einfach gesagt nur auf andere Bereiche.

      Authentische Identitätsstiftung ist zentral für die Vampyrkultur, wie ich sie verstehe.
      Es ist ebenfalls interessant, dass du Familie und Stand ansprichst als unzureichend empfundene traditionelle Modelle. Vampyrkultur greift gerade diese Modelle aktiv auf, am ehesten sichtbar in diversen Formen vampyrischer Selbstorganisation. Wir bilden Familien, wir wählen mit vampyrischen Häusern äußere Formen, die mit einem aristokratischem Standesbewusstsein konnotiert sind. Gruppen wie House Sauromatos als naheliegendes Beispiel berufen sich auf einen (neo-)aristokratischen Ethos als ausdrücklichen Bestandteil unserer Identität.
      Die Vampyrgesellschaft ist mitunter hoch-politisch, wohlgemerkt im Bezug auf sich selbst und auf Vorgänge und Entwicklungen innerhalb der Vampyrgesellschaft.
      Der Begriff der Parallelgesellschaft mag hier nicht ganz zutreffend zu sein, kann aber zu einem gewissen Maß herangezogen werden, um sich dem herrschenden Selbstverständnis zu nähern. Die Idee des Untergrunds ist noch sehr lebendig in der Vampyrgesellschaft, und in meiner Erfahrung auch nicht nur rein romantische Vorstellung, auch wenn Vampyre in der Regel trotzdem am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Vampyre schaffen es gewissermaßen in zwei Welten zu leben. Wir können uns glücklich schätzen, das dieser Zustand der Authentizität der Vampyrgesellschaft keinen Abbruch tut.

      In einer postmodernen Welt, in der Gesellschaft und Individuum aufgebrochen sind, wo Identität ein freier kreativer Prozess ist, schafft sich der Vampyr in und mithilfe der Vampyrgesellschaft neu, als soziale Tatsache.
      In dieser Hinsicht verkörpern Vampyre möglicherweise die Avantgarde in der Entwicklung und Anwendung von neuen 'Technologien des Selbst'.
      Dazu Foucault: „Darunter sind gewusste und gewollte Praktiken zu verstehen, mit denen die Menschen nicht nur die Regeln ihres Verhaltens festlegen, sondern sich selber zu transformieren, sich in ihrem besonderen Sein zu modifizieren und aus ihrem Leben ein Werk zu machen suchen, das gewisse ästhetische Werte trägt und gewissen Stilkriterien entspricht.“
    • Dass Du Foucault anführst wundert mich...

      Aber der Reihe nach:
      1. Ja, das sehe ich auch so: Abgrenzung braucht den Anderen. Das ist existentiell, wenn man bspw. die "Laws of Form" anführt. Doch entscheidend dabei ist, dass das eine phänomenologische, keine ontologische Betrachtung ist. Ich schlage also vor, den Begriff Vampyr als intersubjektive Übereinkunft, nicht als objektive Begebenheit anzunehmen. Ich habe dazu hier schon einiges gelesen was darauf hindeutet, dass einige Forenmitglieder diese Einstellung teilen würden. Insofern gehe ich im Folgenden von dieser Basisannahme aus.
      Es ging mir in meiner Ausführung nicht darum zu zeigen, dass es eine Gegenkultur ist- dafür halte ich es auch nicht. Meine Beispiele waren da möglicherweise irreführend. Aber die Abgrenzung schwingt letztendlich in jeder Interaktion mit, durch die Bündelung in dem "Wir". Oder besser: Der Kommunikationscodierung Wir(auf der Innenseite)/der Rest der Welt (auf der Außenseite). Darin besteht noch keine Protesthaltung, lediglich der identitätsstiftende Punkt der Interaktion, der immer reproduziert werden will.

      2. Moment. Ich habe nicht gesagt, dass Familie und Stand unzureichende Modelle sind. Was ich meine ist, dass sie lediglich von einer funktionalen Differenzierung der Gesellschaft abgelöst wurden. Dennoch existieren Segmente wie Familien oder Hierarchien, wie Stände, Klassen oder Schichten noch immer. Ihre Relevanz ist lediglich nicht mehr strukturbedingend.
      Interessant finde ich, dass in der Vampyrgesellschaft eine Umdefinition des Postmodernen Gesellschaftsmodell aufgestellt wird. Ich frage mich nur, wie praktikabel es ist, Hierarchien über die funktionale Differenzierung zu stellen - schließlich nehme ich schwer an, dass die Vampyrgesellschaft an der Wirtschaft, der Politik, dem Freizeitsystem etc. antizipiert- und zwar maßgeblich. Ich glaube das wäre sogar einen eigenen Thread wert (insofern der nicht bereits existiert und von mir bislang überlesen wurde).
      Sieht man es als Parallelgesellschaft (was du ja nicht tust, ich will nur diesen Argumentationszweig zuende gehen), muss man davon ausgehen, dass es trotz seiner internen Hierarchisierung dennoch als Ganzes einen funktionellen Wert erfüllt. Vielleicht die Komplettberücksichtigung des Individuums, die sonst in der Gesellschaft verloren geht?

      3. Und nun zu Foucault. Ja, ich halte es für außerordendlich treffend die Selbsttechnologien anzubringen. Und doch macht es mich stutzig... Er gibt in seinen späten Texten diese Möglichkeit dieser Form der Flucht von den Machtdiskursen. Dennoch würde Foucault nie behaupten, dass das Subjekt losgelöst von existierenden Machtstrukturen sein kann. Das Subjekt bei Foucault wird schließlich eben nicht durch sich selbst ausgebildet (gewissermaßen autotelisch- zum Selbstzweck), sondern ist ja gerade Produkt des (Macht)Diskurses. Man denke an seine Disziplinarmacht.
      Und m.E. leben wir in einer Zeit, in der die Disziplinarmacht im Sinne des Panoptikums (oder auch Synoptikums) zu Hochtouren aufläuft! Man denke nur daran, dass wir hier alle niemals unseren Klarnamen verwenden würden- unser Verhalten also bereits an dieses Panoptikum angepasst haben.
      Darüber hinaus teile ich Foucauts Vorschlag der Technologien des Selbst nicht- zumindest heute nicht, zu Beginn der 80er Jahre mag das natürlich mit den Nachwehen der 68er etwas anders gewesen sein. Ich halte sie auch für Machtdiskurse. Vielleicht sind sie verflüssigter. Aber den Schlachtruf der Individualität aus dem Leben ein Werk zu machen, schafft einen neuen, normierten Druck: "Triff eine Entscheidung!"
    • Der funktionelle Wert der Vampyrgesellschaft... das wäre ein guter Titel für ein neues Thema.
      Ich würde das liebend gern die Community diskutieren lassen.
      Rein persönlich wehre ich mich etwas dagegen die Vampyrgesellschaft in eine solche Beziehung mit der restlichen Gesellschaft zu setzen. Wir sind für uns da... nicht mehr und nicht weniger.
    • So wie ich das mit meinem bisher minimalen Kenntnis-Stand beurteilen kann, entsteht eine Problematik durch die ungenaue Definition des "Vampyrs". Es gibt z.B. Energie-Vampyre - was ich als parapsychologisch verstehe und einer "rein subjektive Wahrnehmung" der Person entspricht. Ich hab einige Beiträge von Mikhail gelesen, der zum Glück sehr wissenschaftlich/faktenorientiert zu sein scheint.
      Da hätte ich eine Frage an dich Mikhail.

      Siehst du die Energie-Vampyre auch als Gruppe an, welche zum Vampyrismus gehört. Und wenn ja, warum?

      Liebe Grüße

      R.
    • Energie-Vampire gehören natürlich zum Vampyrismus. Energievampirismus ist als Themenbereich nicht aus der gegenwärtigen Vampyrszene, weder im deutschsprachigen Raum geschweige denn international, wegzudenken.
      Der Unterschied zwischen Energiearbeit und Energievampirismus mag gerade für Außenstehende, zu denen ich mich in diesem Punkt auch zähle, manchmal nicht ganz ersichtlich sein, jedoch gehe ich davon aus, dass Energievampire ihre Gründe haben, warum sie für sich den Vampir-Begriff gewählt haben.

      Auch mag es tatsächlich etwas "essentiell Vampyrisches" geben, das sowohl sanguinär-orientierte wie auch Energie-orientierte Vampyre teilen, sich aber dem Verständnis zum Großteil entzieht und nur erfahren werden kann. Die Koexistenz von sanguinär-lebenden Vampyren und Energievampiren innerhalb derselben Vampyrgesellschaft eröffnet uns vielleicht die Möglichkeit uns als Vampyre dieser elusiven "Essenz" zu näheren. Vorgeschlagene Kandidaten für "das Vampyrische" sind beispielsweise ein gewisser "Hunger nach mehr", ein Drang sich das Leben selbst einzuverleiben. Ich finde es sehr spannend sich diesem hypothetischen essentiellen Unterschied durch Austausch verschiedener Erfahrungen zu nähern.

      Dennoch präferiere ich für mich ein sicheres Fundament in sanguinärer Praxis, als stabile Grundlage für sämtliche vampyrische Belange, festgehalten in der Lehre des Orthodoxen Vampyrismus und manifest in House Sauromatos.
      Ich mag in dieser Hinsicht vielleicht sogar ein Hardliner sein, trotzdem glaube ich fest an ein pluralistisches Nebeneinander verschiedener Perspektiven und Lebensansätze im größeren Komplex des Vampyrismus... "Pax Vampyrica" wenn man so will :D