Warum Vampyr, wenn man Hämatophage sein kann?

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    • Warum Vampyr, wenn man Hämatophage sein kann?

      Ihr Lieben, ihr wisst, ich bin "nur" Grufti mit Interesse. Darum diese Frage.

      Wenn ihr euch schon von den Lifestyle-Vampiren differenziert, warum dann nur durch ein Y im Wort? Einige/die meisten haben mit der "fiktiven" Vampirwelt nichts am Hut, bzgl Kleidung, Sonne, Glaube, etc., dann muss man doch nicht noch die Verwechselungsgefahr provozieren.
      Warum geht ihr nicht in die Wissenschaftliche Bezeichnung, in die Hämatophagie?

      Ich weiss, ihr erzählt nicht jedem von eurer Natur, weil es für normale Menschen einfach "verrückt" oder "krank" klingt. Aber hat man dann nicht bessere Chancen, für voll genommen zu werden, wenn man mit wissenschaftlichen Begriffen um sich schmeisst?

      Klärt mich auf!
    • Ich habe mich auf das Thema gefreut, denn diese unscheinbare Fragestellung bringt einen ganzen Komplex an Punkten mit sich, die sich bestens für eine Diskussion eignen.

      An erster Stelle sollte erwähnt sein, dass es natürlich schon Bestrebungen gab, sich vom Vampir-Begriff zu distanzieren, um leidigen Assoziationen zu entgehen. Das war nie so wirklich mit Erfolg gesegnet und das hat die verschiedensten Hintergründe.

      Die Vampir-Figur aus Folklore und nicht zuletzt Popkultur ist für viele Betroffene, mangels eines besseren Wortes, meist der erste Kontakt mit der Thematik, mit Konzepten wie Blutdurst. Da ist etwas worin man sich selbst wiedererkennt und schließlich identifiziert, sehr oft nach einer Phase, in der man die eigene Vernunft anzweifelt... und die kollektive Vernunft dieser anscheinend wirklich existierenden Subkultur, die sich als "echte Vampire" bezeichnen.
      Die Vampyrgesellschaft als Subkultur entstand innerhalb einer größeren Kultur, die vom Vampirmythos fasziniert war. Dort sammelten sich neben Träumern, Literatur- und Filmfreunden sowie Rollenspielern und Lifestylern auch Personen, die sich unter "dem Mantel des Vampirs" als Ihresgleichen wiedererkannten, die für sehr ähnliche Probleme sehr ähnliche Lösungen gefunden haben.
      Der Vampirbegriff als Selbstbezeichnung mag ein Erbe aus den Anfangstagen einer globalen Identitätsgemeinschaft sein, der oben angedeutete Weg hin zum Annehmen des Begriffs für das eigene Erleben spielt sich allerdings noch bei vielen Betroffenen genauso ab.
      Der Begriff lässt sich aus der organisch gewachsenen Vampyrgesellschaft nicht so einfach entfernen oder wegdenken.

      Die gegenwärtige Vampyrgesellschaft besteht zudem nicht nur aus Personen, die Vampyrismus gerne nüchtern und möglichst sachlich sehen betrachten wollen und sich dabei allein auf den Blutkonsum beschränken.
      Sogenannte Sanguinarians, die interne Bezeichnung für Bluttrinker, teilen sich eine Gemeinschaft mit esoterischeren Psi oder Psy-Vampiren und Energiearbeitern, und schließlich Individuen die Vampyrismus in einem persönlichen magisch-religös-spirituellen Kontext praktizieren.
      Genau wie es sich mit dem Vampir-Begriff verhält, gab und gibt es Versuche sich von dieser oder jener Perspektive auf Vampyrismus zu distanzieren. Das hat bisweilen die Form von erbitterten Grabenkämpfen um die Deutungshoheit des Vampyr-Begriffes angenommen, ob nun Psy-Vampire oder Sanguinarians die wirklichen Vampyre sind, und wer in der Community den Ton angeben sollte.
      Im Zuge dieser Spannungen gibt es aktuell auch eine Bewegung von Sanguinarians, sich die ziemlich genau wie im Titel vorgeschlagen, vom Vampir-Begriff distanzieren wollen, da die die gegenwärtige internationale Vampyrgesellschaft ihrer Meinung nach nur wenig Support für Bluttrinker hat, die ausschließlich medizinische bzw. überprüfbare Ursachen für ihre Erfahrungen suchen. Der Standpunkt der Medical Sanguinarians wurde unter anderen beispielsweise in einem exzellenten BBC-Artikel vorgestellt, auf den ich nur zu gerne Verweise, wenn eine vorzeigbare Darstellung von Vampyrismus gefragt ist: bbc.com/future/story/20151021-…nk-human-blood?ocid=twfut
      Ich selbst habe viel Wertschätzung für das Anliegen der Medical Sanguinarians übrig, und ich begrüße die Zusammenarbeit von Vampyren und Forschern, jedoch sehe ich persönlich Vampyrismus mehr als soziokulturelles Phänomen, weniger als ein medizinisches. Daher ist für mich in diesem Zusammenhang der Vampir-Begriff genauso bedeutsam, wie der Blutkonsum und die Ausbildung einer eigenen alternativen Subkultur oder "Parallelgesellschaft".

      Nicht allen Vampyren liegt so viel an der öffentlichen bzw. akademischen Meinung. Den allermeisten ist es ziemlich egal ob die breite Gesellschaft sie jemals für voll nimmt, denn die breite Gesellschaft bekommt idealerweise nicht viel von der Vampyrgesellschaft mit, d.h. von unserer Gesellschaft. Vampyre kommen auch ohne breite gesellschaftliche Akzeptanz im Großen und Ganzen klar, nicht zuletzt aufgrund von Ressourcen und Infrastruktur, die wir uns selbst aufgebaut haben, und die nunmal eng mit dem Vampir-Begriff verknüpft sind. Innerhalb einer intakten Vampyrgesellschaft haben wir es nicht unbedingt nötig uns vom Vampir zu trennen, um uns vorzeigbarer zu machen und es besteht gegenwärtig weder ein besonderer Anreiz noch ein direkter Druck dazu.

      Ich bin sicher, dass es noch weitere Punkte von Interesse gibt, die ich ausgelassen habe, aber nicht zuletzt ein Blick auf die Uhr legt mir nahe anderen, die dazu bestimmt gern etwas zu sagen haben, an dieser Stelle das Feld zu überlassen.
    • Ich habe ja auch mit dem fiktiven Teil des Vampirismus nicht viel zu tun, erkenne mich aber selber in dem Begriff Vampyr wieder und würde auch nicht wollen, dass sich dieser ändert.
      Trotzdem finde ich auch Verständniss und Aufklärung für die Öffentlichkeit an sich wichtig, ist eben kaum umzusetzen und dass sehen ja auch nicht alle so.

      Warum die Beizeichnung ändern wenn sich doch die V-Gesellschaft schon seither so nennt, auch war der Begriff Vampir das erste, das ich damals gegoggelt hatte, sonst hätte ich die Community vermutlich auch so einfach nicht gefunden.