Vom Träumen, der Wahrheit und einem [Mis]anthropen der keiner sein wollte

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    • Vom Träumen, der Wahrheit und einem [Mis]anthropen der keiner sein wollte

      Ich schreibe seit 5 oder 6 Jahren. Auslösend war das Stück "die Hamletmaschine" von Heiner Müller, was mich damals sehr inspiriert hat.
      Es hält sich zumeist in Form von Kurzgeschichten. Es gibt nur zwei Werke, die man vielleicht als abgeschlossene, komplette Werke betrachten kann. Diese sind aber erst über Jahre hinweg zusammengewachsen.
      Ein paar Charaktere werden sich hier und da wiederholen. Sie erzählen mir ihre Geschichten, ich höre zu und schreibe sie nieder. In gewisser Weise nicht als Autorin, sondern als verwundertes Kind, das mit großen Augen diesen Geschichten und Eindrücken lauscht.
      Oft mag es keine leichte Lektüre sein. Ich entschuldige mich für die Irrungen und Wirrungen, die meine Charaktere ausgesetzt sind. Vielleicht träumen sie ja bloß...

      Dauerfrost

      Ich sah dein Gesicht nicht, als wir den Weg zu den Feldern nahmen.
      Kannte ich den Weg? War ich ihn schon einmal gegangen?
      Oder kam er mir nur so vertraut vor. So vertraut wie deine Stimme, mich begleitend.
      „Es ist Frühjahr geworden.“
      Und wie du es sagtest, fielen mir die vielen bunten Farben zu meinen Füßen auf. Das satte Grün der Bäume am Horizont, die Wärme der Sonne.
      Hatte ich nicht noch kurz zuvor gefroren, die kahlen Bäume betrachtet-
      Ein kalter Winterstag?
      Doch der Weg war gesäumt von einem Farbenspiel der Blüten, welches ich noch nie zuvor gesehen hatte.
      Vergessen hatte ich ihre Farben schon fast.
      Du musstest meinen Blick gesehen haben. „Es sind die Bauern, sie glauben an die Blumen der ersten Jahreszeit.“
      „Wohin führt uns der Weg?“
      Doch kannte ich die Antwort auf die Frage schon. Die Weidenbäume am Horizont riefen sie mir zu, flüsterten mit tonlosen Worten mir fremde Erinnerungen ein.
      „Hinunter zum See.“
      Ich war außer Atem, als wir das Feld überquert hatten.
      Wie lange musste ich nur geschlafen haben?
      Hier war der Boden ganz trocken. Im Schatten der Bäume sah ich, wie tiefe Furchen ihn durchzogen-
      Ich kannte diesen Ort aus meinen Träumen.
      Ganz nah spürte ich den See, doch ich konnte ihn durch das dichte Weidengeäst nicht sehen. Vielleicht waren wir doch weiter entfernt voneinander, als ich es geglaubt hatte.
      Meine Hand hattest Du genommen, abseits des Weges.
      Schilf war aus den ausgedorrten Boden gesprossen, hier und dort, als würde das Gewässer ihm bald folgen.
      Vor einem großen, ausgedorrten Baum bliebst Du stehen. War es das was du mir hattest zeigen wollen?
      „Hier habe ich ihn versteckt.“
      Lange betrachtete ich den Baum, doch ich wusste nicht, was Du meintest.
      „Wen?“
      „Den Winter. Die Kälte. Das Sterben.“
      Und wie Du es sagtest sah ich all die toten Dinge in dem Baum.
      Nichts Lebendiges war ihm geblieben.
      Ich atmete ihn ein und entließ meine Aufmerksamkeit.
      Unser Hände lösten sich voneinander, das Geflecht der Wurzeln zu meinen Füßen verwoben.
      Und ganz winzig und unscheinbar die Wintervorräte, die ich einst wie ein sorgsames Mosaik dazwischen versteckt hatte. Die makellosen Nussschalen.
      Schon ganz vergessen, sank auf die Knie, das Geflecht zu berühren.
      So viele Zeiten war ich einst damit beschäftigt gewesen sie aufzusparen.
      Dein Gesicht konnte ich nicht sehen als deine Wurzeln und Äste mich zu dir zogen.
      Am Fuße lag ein Schädel, die leeren Augen blickten mich an, als ich mich schweigend entzog, über den Boden kroch und dort wo deine Wurzeln endeten mich sanft niederließ um in deine kahlen Wipfel zu starren.
      Wie sich vor dem blauen Himmel deine Äste den jungen Weidenrauten entgegenstreckten, sich kreuzten und in alle Himmelsrichtungen stoben. Ein zu Eis erstarrtes Gemälde.
      „Vielleicht schlafe ich noch“, sprach ich nach einer Weile zwischen den Gezeiten liegend, „aber so muss ich dich nun verlassen“.
      Vielleicht hattest du mich in deiner Starre schon nicht mehr gehört.
      Als ich mich von den letzten Wurzeln enthob, schenkte ich dir einen letzten Dank.
      Und so ließ ich dich gemeinsam mit meinem gesammelten Winter zurück.
      Durch das Geäst der Weiden und dem schneidenden Schilf, hinunter zum See. Es war ein Leben her, versteckt hatte ich mich hier, den Bestien zum Trotz.
      Der Schlick zog an meinen Beinen bis ich schließlich kaum noch laufen konnte. Als sei ihnen das gleiche Schicksal widerfahren, umwogen mich die dünnen Weiden, tief versunken.
      Doch vielleicht hörte ich ihr Lachen.
      Wütend schlug ich sie von mir, „ich bin giftig!“, schrie ich, meine nassen Haare klebten in meinem Gesicht, vor Bitterkeit. „ICH BIN GIFTIG!“
      Und nicht wie eine der Blumen des Feldes.
      Ergeben ließ mich der Boden frei und entließ mich entwurzelt zwischen die Schilfpflanzen in die Freiheit des Wassers.
      Doch konnte ich sie nicht ertragen.
      Ich wollte nicht zurückblicken, nicht den Weg zurücknehmen, nicht sinken als ich meine Flügel spreizte und mich aus den Tiefen erhob.
      Was konnte schon Freiheit sein? Deine vertrockneten Äste?
      So schrie ich mit meinen Lungen voller Wasser und den Resten eines Wunsches. Vielleicht würde ich nie mehr atmen können.
      Doch ich flog dahin, allem zum Trotz. Die Flügel streiften die sanften Wellen und Ruhe mischte sich in meine Einsamkeit.
      Als ich so dahinglitt, abseits aller Wege, sah ich dein Gesicht nicht mehr.
      Ich hörte auch keine Worte, das Wasser hatte sie weggespült, die Jahreszeiten sich verwaschen. Trostlos spiegelten ihre Farben den weiten See.
      Und ich spürte: ich hatte nie geschlafen, war nie wach gewesen, nichts gesehen, nichts gehört, nicht geschrien und nicht geatmet.
      Ich entfernte mich, verloren in deiner Erinnerung- mit all deinen Wintern in tiefer Starre schwindend.
      Gezeiten in kahlen Ästen und tiefe Furchen in altem Holz.
      „Hier hast Du mich versteckt“, sang die Welt als sie schwand.
      „Hier hast Du mich versteckt.“
      Dauerfrost unter den erfrorenen Wurzeln.
    • 24

      Es war ein Traum gewesen.
      Ich hatte sein Gesicht gesehen.
      Im fremden Licht.
      Laut, energisch und mit Stärke in der vollen Stimme hatte er auf mich eingeredet.
      So eindrucksvoll, dass ich von seinen Worten aufgewacht war, von denen keines mehr in der Luft lag.
      „Vierundzwanzig“.
      Schlag um Schlag gegen meine Zellentüre.
      „Vierundzwanzig!“
      Mit Nachdruck. Laut, energisch, Schlag um Schlag.
      Laute verließen meinen Mund- jeder gut genug, um zu genügen.
      „Fünfundzwanzig“, antwortete ich bestätigend.
      Zu gut kannte ich die Morgenroutine die sich an jeden Traum heftete und einschärfte was wir waren.
      „Fünfundzwanzig!“
      Zu gut kannte ich die Morgenroutine, doch an jenem Tag –
      Die Stahltüren mussten so unnachgiebig sein, um den harten Worten Widerstand entgegen zu setzen. Widerstand und jedes Recht durch Halt und Stärke.
      „FÜNFundzwanzig!“
      Momente zwischen Stahl und Stein.
      „FÜNFUNDZWANZIG!“
      Ich schloss die Augen.
      Drei Schläge, nein, vier. Aufgeregte Stimmen und Stahl auf Stahl, die Sprache der Aufseher.
      „Fünfundzwanzig, geben Sie keine Antwort, müssen wir hereinkommen!“
      Totenstille.
      Es war doch nur geträumt-
      Sein Gesicht hatte ich gesehen. Ganz weiß war es gewesen, vom Leben entleert.
      „Fünfundzwanzig, kooperieren Sie nicht, wird unverzüglich der Wärter gerufen!“
      „Nein!“, es war Zweiundzwanzig. Zwei Zellen zu meiner Linken.
      Laut und kratzig erkannte ich seine Stimme.
      „Nicht der Wärter! Fünfundzwanzig! Sag es ihnen! Fünfundzwanzig! Fünfundzwanzig! Fünfundzwanzig! Fünfundzwanzig-“, die Worte brachen ab. Oder wurden sie nur zu Geflüster?
      Ein leises Wimmern.
      Kein Wort meines Traumes war mir erhalten geblieben, als sie die Zellentür neben mir öffneten. Sie waren meinem Verstand einfach entglitten. Doch die glühenden Augen sprachen noch immer zu mir, wenn ich die Augen schloss.
      Kein Wort.
      Zweiundzwanzig war still geworden. Flüstern der Mitheftlinge huschte wie ungreifbare Geisterwesen über die Flure. Doch die meisten schwiegen über die schweren Schritte der Aufseher hinweg.
      Durchbrochen durch das erneute Aufspringen der Zellentür machten die neuen Geräusche Platz für Gewalt und -
      Neugierig spähte ich durch die winzigen Löcher meiner Türe.
      Ich wusste es, doch ich hatte es noch nicht glauben wollen.
      Ich sah es, doch ich konnte es nicht fassen.
      Als ich einst noch eine andere Zelle belebt hatte, erzählte man mir, dass die Schlafpritschen unsere Särge seien.
      Immer bereit zum Abtransport.
      Ohne Bestattung und Andenken. Keiner wusste, was mit den Toten geschah.
      Das hatte ich für ein bitteres Märchen des Wärters gehalten. Gelacht hatte ich, Vierundzwanzig.
      Die Gewissheit bekam ich aber nun bei dem Anblick der sich mir bot.
      Der Totentransport.
      Zwei Schritte zurück. Mit Händen und Rücken an die glatte, kalte Wandfläche.
      Zweiundzwanzig jaulte auf, als sie seinen Sterberaum passierten.
      Weitere Stimmen gesellten sich dazu.
      „Mörder!“
      „Ihr lasst uns hier verrecken wie Tiere!“
      Unbekannt und ohne Namen.
      „Fünfundzwanzig!“
      „Tiere, Tiere! Und Blut an euren Lefzen!“
      Nicht alle Stimmen konnte ich zuordnen. Hallend warfen die Gänge sie zurück, dass sie mehrfach verzerrt in mein Verließ drangen.
      Blut an euren Händen!“
      Blut an euren Händen!“
      Was zunächst als wildes, unkontrolliertes Geschrei begann, kanalisierte sich zunehmend in einem skurrilen, schauerlichen Gesang.
      Von dem Stahl der tausend Türen zurückgeworfen, versetzte er jeden Winkel des Gefängnisses in diese unheimliche Stimmung.
      Blut an euren Händen, Blut an euren Händen, Blut an euren Händen …“
      Ich schloss erneut die Augen, als hätte ich eine andere Möglichkeit gehabt.
      Konnte ich doch nur hören, nicht sehen.
      Die ersten Schreie durchbrachen die leidenschaftlichen Gesänge.
      Markerschütternde Schreie, die schließlich alles fraßen. Jeden Ton und jede Überzeugung.
      Zu lange war ich Vierundzwanzig. Zu lange war ich wach gewesen.
      Noch immer die Hände und Rücken an der eisigen Wand.
      Kälte die mich von innen heraus wärmte.
      Ich musste an meinen Traum denken.
      Sie hatten den Wächter gerufen.

      „Du hast ihn gesehen“.
      Als die sich Schreie gelegt hatten, war auch ich auf den Boden meines Verließes zusammengesunken. Das schwache, dreckige Licht fiel durch einen winzigen Spalt meines Kerkers.
      Es musste Dreiundzwanzig sein. Dort wo Stahl in Stein überging musste er sich an die Wand gelehnt haben, um mit mir zu sprechen.
      „Nicht wahr? Du hast ihn gesehen“, wiederholte er.
      Nicht lange war es her, da war seine Zelle noch leer gewesen, als gäbe es keinen Insassen der sie beleben durfte. Erst selten hatte ich seine Stimme gehört.
      „Ich weiß nicht, was du meinst“, meine Worte waren harsch, dennoch robbte ich seiner Stimme entgegen. Zu selten war mein menschlicher Kontakt in diesen Tagen. Zu dicke die Mauern.
      „Dein Traum. Du weißt wovon ich spreche!“
      Unruhe überkam mich. Die weißen Augen, die mich in dieser Nacht nicht das erste Mal verfolgt hatten, leuchteten in meiner Vorstellung auf.
      Ich schwieg.
      „Wie ist dein Name?“, es war nur ein Flüstern.
      Auch dieser verbotene Frage entgegnete ich mit Schweigen.
      Ich versuchte mir eine Vorstellung zu machen was für eine Person es war, zu der dieses Flüstern gehören musste.
      Vor allem fragte ich mich wie seine Augen aussehen mussten.
      „Es ist verboten nach dem Namen zu fragen“, entgegnete ich endlich.
      Vielleicht wollte ich, dass er nicht aufhörte zu sprechen. Zu lange waren seine Worte bereits verebbt.
      „Wie bist du hergekommen, Vierundzwanzig?“
      Einen Moment entrann ich meinen Überlegungen.
      „Die brennenden Augen haben mich schon vorher verfolgt- bevor ich hierher gebracht wurde“, ich starrte an die gegenüberliegende Zellenwand, die winzigen Lichtflecken beobachtend. „Keine Ahnung wann es angefangen hat. Doch es wurde immer schlimmer. Über die Tage habe ich gelitten und die Nächte war ich wach. Wach. Ich tat alles dafür, um nicht zu schlafen. Weißt du wie es ist Tage, nein, Wochen nicht zu schlafen? Die Wirklichkeit scheint an einem vorbeizufließen, abzulaufen, auszulaufen. Erst schnell und dann immer langsamer. Alle Grenzen lösen sich auf“.
      „Erzähl mir von den Augen“, forderte mein Gegenüber.
      Womöglich hatte ich zu viel gesagt.
      „Hast du es gewusst?“, fragte ich, ohne auf ihn einzugehen.
      „Was denn?“
      „Dass wir in unseren Särgen schlafen. Dass wir jeden Tag unsere Henkersmalzeit genießen dürfen. Dass wir bereits unter der Erde sind. Lebendig begraben“.
      Dreiundzwanzig schwieg.
      „Wie ist dein Name?“, kühner war ich nie gewesen.
      „Meine Eltern haben mir keinen gegeben. Ich bin an diesem Ort geboren“.



      To be continued...
    • 24 (2)

      Ich musste träumen als ich über das weiße Gras schwebte.
      Die schwarzen Bäume in der Ferne, sie schmückten den Horizont. Ganz verwaschen wie auf einem Bild.
      Alle Grenzen lösen sich auf- vielleicht auch nur eine Erinnerung.
      Es war Sommer, ein Jahr lang Sommer auf den Feldern und Wiesen am Rande meiner Heimatstadt.
      Neben dem alten Brunnen blieb ich stehen, breitete die Arme aus als wollte ich fliegen. Den Wind in meinen Haaren.
      Doch als ich spürte,wie ich ganz langsam diese Welt verließ, in die Lüfte hinauftrieb und zu einem Vogel wurde, packte mich eine Macht.
      Sie drückte und zog mich hernieder. Nicht in das Gras. In die weite Öffnung des Brunnens.
      Tief in die Erde, wo die Lunge des kleinen Vogels kaum noch Sauerstoff bekam und die kleinen Flügelchen zitterten.
      Voller Unruhe und Furcht.
      Doch es waren nicht jene Augen die mich erwarteten. Die ich erwartete. Dreiundzwanzig hatte sich in meinen Traum geschlichen. Ich spürte seine Anwesenheit ohne ihn zusehen oder zu hören.
      „Ist es nicht sogewesen?“, seine fremde Stimme in der Finsternis.
      Der kleine Vogel in meiner Hand begann zu bluten, es war als würde sein Inneres nach außen gekehrt.Ich wollte wegsehen, doch die Macht hatte mich umschlungen.
      „NEIN!“
      „Erzähl mir von den Augen“.
      Der Vogel entzündete sich und unter einem kurzen Flackern ging er in eine helle Flamme auf. Es war ein scheußliches Geräusch, welches das kleine, zierliche Tier in seinem Todeskampf herausschrie.
      Dann war es wieder finster.
      Doch ich hatte einen Schatten gesehen.
      „Erzähl mir von den Augen“, forderte er.
      Es war erst ein Murmeln, skurril und langsam formten sich die Worte in meinen Gedanken, bis ich sang, bis ich es herausschrie:
      Blut- Händen. Blut-Blut! Blut an euren Händen, Blut an euren Händen, Blut an euren Händen, Blut an euren Händen!“
      Ich schloss die Augen und besann mich nur auf mein Mantra.
      Als ich sie wieder öffnete, sah ich den Stahl.
      Zusammengesunken auf dem Boden war ich eingeschlafen.
      „Siebzehn!“, hörte ich eine Stimme den Gang ausfüllen, bis sie bei uns ankamen.
      Dreiundzwanzig, Vierundzwanzig, Sechsundzwanzig,Siebenundzwanzig.
      „Du hast geträumt“, stellte Dreiundzwanzig leise fest als sie bereits fort waren.
      Eine Drohung lag in seinen Worten, tiefer als der Brunnen in den ich gefallen war.
      Bis ich an diesen Ort gekommen war, hatte ich mir geschworen nie mehr zu schlafen. Nachdem ich die Müdigkeit als mein Lebenselixier verstanden hatte, war es ganz leicht gewesen. Vollkommen flüssig und ohne Widerstand trieb die Welt an mir vorbei.
      Doch es war nicht der Schlaf vor dem ich geflüchtet war.
      Dreiundzwanzig.
      „Ich schlafe nicht“, antwortete ich umso leiser, „ich träume nur“.
      Ein Stück Metall fand den Weg in meine Hand. Ein Löffel, den ich vom letzten Abendmahl zurückgehalten hatte.
      Gabel und Messer bekamen wir nicht.
      Ich dachte an meinen Traum, als ich Dreiundzwanzigs Worten lauschte.
      „Vielleicht sind es keine Träume“.
      „Unsinn“, der Stiel des Löffels bohrte sich in meine Handfläche. Meine Stimme war harsch-
      Es waren Wochen vergangen in denen ich geschlafen hatte.
      Doch ich hatte ihn nicht gesehen.
      „Vielleicht...-“, begann Dreiundzwanzig.
      „Unsinn!“, unterbrach ich ihn „Unsinn! UNSINN!“
      Ich hörte wie jemand diese Stimme herausschrie, sah, wie meine Hand auf den Stahl und den Stein einschlug, den Löffel verzweifelt als Waffe nutzend gegen mein unnachgiebiges Gefängnis
      Doch das war nicht ich! Vierundzwanzig!
      Wie in Zeitraffer wurde die Stahltür zu meinem Verließ geöffnet, zu lange hatte ich auf diesen Moment gewartet, der nur ganz anders war als erhofft.
      „UNSINN!“, knurrte ich noch immer die Stahlfläche an, als könnte ich Dreiundzwanzig hindurch erreichen, als ich brutal zurückgerissen wurde. Handgelenke und Beine an den Sarg gefesselt in dem ich zu schlafen gewohnt war. Geübt waren die Aufseher in dieser Routine.
      Wortlos wurde ich meinen Schreien überlassen.

      Meine Augen aufgerissen starrte ich an die Decke meines Verließes. Es musste Nacht sein. Die Anlage lag ruhig, kaum Stimmen und nur das Summen der Belüftungsanlage drang gleichmäßig und vertraut in meinen Verstand.
      „Hast du schon einmal daran gedacht auszubrechen?“
      Es mussten Stunden vergangen sein, meine Gelenke und Muskeln schmerzten. Doch ich musste es wissen.
      „Dreiundzwanzig?“, flüsterte ich.
      „Nein“, es war nur ein kratziges Hauchen. „Ich habe keinen Namen. Da draußen.“
      Gedankenverloren nickte ich, als könnte er mich sehen. In meinen Ketten.
      „Woher weißt du dann von ihm?“
      „Du hast im Schlaf geredet. Von seinen Augen. Erzähl mir davon“.
      Ich schwieg eine Weile.
      „Er ist der Wärter, er ist der Wärter der Welt, des Todes und des Tanzes unserer Leben. Vor vielen Jahren habe ich ihn das erste mal gesehen. Sein Bild war in mein Hirn eingebrannt…“
      Zu laut waren die Ketten, als ich mich versuchte in die Richtung meiner Nachbarszelle zu drehen. Mein Herzschlag lauter.
      „Er ist der Wärter- immer wenn ich meine Augen geschlossen hatte, sah ich die seinen vor mir. Er ist in den Köpfen derer die auszubrechen wagen, die sich weigern so zu leben, wie es richtig und rechtens ist. Ich kannte nur noch einen Traum. Den Wächter, wie er in fremden Licht vor mir steht, mit tiefer Stimme auf mich einredend als sei ich ein Verdammter“.
      Ich musste mich unwillkürlich fragen, ob noch andere Insassen meiner Erzählung lauschten.
      „Ich konnte noch so sehr den Schlaf verweigern. Eines Tages kommt er einen holen. Er holt jeden, der sich ihm widersetzt. Und der eigene Wille verblasst. Unbekannt und ohne Namen, so kamen wir hierher“.
      „UND DANN LASSEN SIE UNS STERBEN!“, ein paar Zellen entfernt heulte Zweiundzwanzig auf.
      Ein Beben schien durch die Gänge zu zittern, tief in der Nacht, doch keiner der Häftlinge schlief.
      Stille folgte. Vielleicht flüsterten noch die einen oder anderen Häftlinge die Parole.
      Blut an euren Händen.
      Doch womöglich bildete ich mir das nur ein.

      To be continued...

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    • Es gab nichts was ich über meinen Gefangenenaufenthalt hinweg mehr genossen hätte, als den traumlosen Schlaf.
      Doch dieser war unruhig. Nicht selten erwachte ich, spürte im halbwachen Zustand meine Ketten.
      Nicht selten schlief ich, spürte in der Tiefe seine Anwesenheit.
      „Du hast im Schlaf geredet“.
      Die Stimme viel näher als gewohnt.
      Als ich mich aufsetze, fehlen die Ketten und die Mauern meines Verließes scheinen näher gekommen zu sein.
      Alles in Bewegung, ich träumte wohl doch.
      „Weißt du wie Fünfundzwanzig starb?“
      Warum klang er so verdammt nah?
      „Wo sind wir?“, meine Handgelenke schmerzten und mein Bewusstsein versuchte den Ortswechsel zu verarbeiten.
      Die Tage, Wochen und Jahre – ich hatte sie nicht zählen können in einem Gefängnis ohne Licht.
      Wer wusste denn schon, ob es sie überhaupt noch gab- die Zeit.
      „Das ist der Gefangenentransport“.
      Nicht die Worte waren es, die mich schaudern ließen. Es war Dreiundzwanzigs Stimme.
      „Bin ich tot?“, die Wände abtastend, suchte ich nach einem Hinweis, nach Halt, nach dem Sarg in dem ich seither jede Nacht schlief. Doch ich saß aufrecht in der kleinen finsteren Zelle die gerade genug Platz bot, um sich darin aufrecht halten zu können.
      „Oh, nein, das bist du nicht…“, Dreiundzwanzig musste sich in der Zelle neben mir befinden, so nah klang er.
      „Wo bringen sie uns dann hin?“
      „Ahnst du es denn nicht?“
      Zu gerne hätte ich sein Gesicht gesehen. Den Ausdruck in seinen Augen.
      Das letzte Gesicht was ich sah, war im fremden Licht, tief in meinen Träumen.
      „Du weißt wie Fünfundzwanzig gestorben ist, nicht wahr?“, fragte Dreiundzwanzig erneut.
      Sie schleppten sich so dahin, die Sekunden.
      „Nein…“
      „In seinem Traum“, flüsterte mein Zellennachbar, mein Mitreisender. „Er ist an seinem Traum gestorben“.
      Ich konnte mich nicht mehr an die Worte erinnern. Seine Worte in jener Nacht,so eindringlich hatte er noch nie auf mich eingeredet. Es war wohl eine Einbildung, aber ich glaubte, nein, ich war mir sicher: Dieser Traum war der Mächtigste den ich je geträumt hatte.
      Natürlich hatte ich gewusst, wie mein Kerkergenosse gestorben war. Wie hatte ich das nur vergessen können?
      Der Totentransport.
      „Der Wärter-“, flüsterte ich. Die Worte verschluckt von den fremden Geräuschen der Fahrt.
      Seine Macht hatte mich umschlungen.
      Oft war ich zu wach gewesen für meine Gedanken.
      Oft hatte ich sie nicht hören wollen.
      Der Wärter.
      „Wohin bringen sie uns?“, vielleicht hätte ich die Frage nicht so laut stellen dürfen, doch ich konnte meine Finger nicht mehr spüren, so abwesend waren die Ketten.
      „Wohin, Dreinundzwanzig?“, wiederholte ich meine Frage, auf die keine Antwort mehr folgte.
      Ich konnte ihn atmen hören.
      Das war eine seltsame Nähe nach Jahren der Isolation.
      „Ich bin nicht Dreiundzwanzig“.
      Ein Rucken durchfuhr das Fahrzeug. Ungewohnt dieser Bewegungen, versuchte ich mich hilflos an den Wänden zu halten, doch es waren keine Ketten dort.
      Unbeeindruckt fuhr mein Gesprächspartner fort. „Es ist nur so, das ich jeden morgen antworte, wenn sie diese Zahl nennen. Es ist nur so, dass ich ein Bewohner dieser Zelle bin – ohne Name und Leben. Es ist nur so, weil ich es wünsche“-
      „Was für ein Unsinn!“, brach ich hervor. Meine Glieder schmerzten als hätte der winzige Vogel seine Flamme in mir entzündet, entzündet, bevor er starb. „Niemand wünscht sich diese Gefangenschaft. Was für ein Unsinn!“
      Ich wollte nicht schreien, doch der kleine Raum schien meine Stimme mächtiger werden zu lassen als ich es beabsichtigte.
      „Du hast wohl nie darüber nachgedacht“, mein Zellennachbar schien noch etwas näher an die seinige Wand gerückt zu sein, denn seine leise gesprochenen Worte waren in meinen Ohren lauter als mein Geschrei. „Du hast wohl nie darüber nachgedacht, wem dieses Gefängnis eine entsetzliche Freude bereitet“.
      Abrupt und mit voller Gewalt hielt unsere fahrende Unterkunft. Unsanft wurde ich gegen die Wand gepresst, die mich von Dreiundzwanzig trennte.
      „Wo sind wir?“, seit Jahren hatte ich mir keine Gedanken mehr darüber machen müssen, doch jetzt war es essentiell. „Wohin haben sie uns gebracht?“
      Als Antwort hörte ich allerdings nur das Öffnen der Tür meines Nachbars. Ganz ohne zutun. Ganz ohne Aufseher und ohne kreischende Mitheftlinge.
      Zwei Schritte und er war an meiner Tür. Nur Zentimeter von mir entfernt.
      „Ich bin nicht Dreiundzwanzig“, sagte die Stimme von der ich mir vorgestellt hatte, dass sie zu dieser Nummer gehörte. „Dass ich keinen Namen trage, habe dir gesagt. Alles habe ich dir gesagt.“
      „Das träume ich nur…“, als die Morgensonne durch die Spalten meines Käfigs drang und die Wogen in meinem Geist glättete, das fremde Licht, öffnete sich die Tür.
      Ich hatte seine Worte vergessen. In jener Nacht.
      „Du weißt, wie er gestorben ist“, glühend waren seine Augen, wie er so auf mich einsprach.
      „Du bist nicht Dreiundzwanzig“.
      Ich wusste nicht einmal ob er mein Flüstern hörte.
      Laut und energisch war seine Stimme, ganz klar, das es sich hätte tief in mein Bewusstsein brennen müssen als er antwortete:
      „Ich bin der Wärter. Ich bin alles was du liebst und was du hasst. Ich knechte dich für dein Leben, denn dein Leben ist nicht besser oder schlechter als die Träume, denen du nicht nachgehst. Ich knechte dich für deine Wünsche, deine Menschlichkeit, deine Leidenschaft. Niemals werde ich dich verlassen, lieben sollst du mich, denn ich dir deiner Ketten Halt. Niemals werde ich dich enttäuschen, so lange du noch träumen kannst, denn ich bin die wahrhaftig gewordene Enttäuschung!“


      Es war ein Traum gewesen.
      Ich hatte sein Gesicht gesehen.
      Im fremden Licht.
      „Dreiundzwanzig“.
      Schlag um Schlag gegen diese Zellentüre.
      „Dreiundzwanzig!“
      Mit Nachdruck. Laut, energisch, Schlag um Schlag.
      „DREIundzwanzig!“
      Momente zwischen Stahl und Stein.
      „DREIUNDZWANZIG!“
      Ich schloss die Augen.
      Drei Schläge, nein, vier. Aufgeregte Stimmen und Stahl auf Stahl, ich kenne sie, die Sprache der Aufseher.
      „Dreiundzwanzig, geben Sie keine Antwort, müssen wir hereinkommen“.
      Totenstille.
      Kein Wort meines Traumes war mir erhalten geblieben, als sie die Zellentür neben mir öffneten. Sie waren meinem Verstand einfach entglitten. Doch die glühenden Augen sprachen noch immer zu mir, wenn ich die Augen schloss.
      Kein Wort.
      Es war doch nur geträumt-